Hormone

Östrogen –
was dieses Hormon wirklich tut.

Östrogen gilt als das weibliche Hormon schlechthin – und wird trotzdem von den meisten unterschätzt. Was es im Körper leistet, was passiert wenn es schwankt oder fehlt, und warum es weit mehr als ein Fruchtbarkeitshormon ist.

Östrogen ist nicht ein Hormon – es sind über dreißig.

Wenn Frauen von Östrogen sprechen, meinen sie meistens eine einzige Substanz. In Wirklichkeit ist Östrogen ein Sammelbegriff für eine ganze Gruppe von Hormonen – über dreißig verschiedene Östrogene gibt es, von denen drei die wichtigsten sind: Östradiol, Östron und Östriol. Östradiol ist das stärkste und wirksamste davon und das Hormon, das in den fruchtbaren Jahren dominiert. Östron übernimmt nach der Menopause die führende Rolle, und Östriol spielt vor allem in der Schwangerschaft eine zentrale Rolle.

Diese Unterscheidung ist nicht nur akademisch interessant – sie erklärt, warum Östrogen in verschiedenen Lebensphasen so unterschiedlich wirkt und warum ein einfacher Hormonwert im Blut oft ein unvollständiges Bild zeichnet. Welches Östrogen in welcher Menge vorhanden ist, macht einen erheblichen Unterschied für das Wohlbefinden, die Leistungsfähigkeit und das Körpergefühl.

Östrogen ist nicht ein Hormon – es ist eine Familie von über dreißig Substanzen mit weitreichenden Wirkungen.

Was Östrogen im Körper wirklich leistet – weit mehr als die meisten ahnen.

Die meisten verbinden Östrogen mit Zyklus, Fruchtbarkeit und weiblichen Körpermerkmalen. Das stimmt – aber es ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was Östrogen täglich im Körper tut. Östrogen beeinflusst den Blutzuckerspiegel und die Insulinsensitivität der Zellen, steuert die Fettverteilung im Körper, unterstützt die Kollagenbildung in Haut und Gelenken, reguliert die Stimmung über den Serotoninstoffwechsel, schützt die Herz-Kreislauf-Gesundheit, erhält die Knochendichte, unterstützt kognitive Funktionen wie Konzentration und Gedächtnis sowie die Gesundheit aller Schleimhäute – von der Vaginalschleimhaut bis zur Blasenwand.

Östrogen schützt außerdem das Herz-Kreislauf-System: Solange Östrogen ausreichend vorhanden ist, hält es LDL-Cholesterin niedrig, unterstützt das gute HDL-Cholesterin und stabilisiert die Triglyzeridwerte. Das erklärt, warum das Herzinfarktrisiko bei Frauen nach der Menopause deutlich ansteigt – nicht weil Frauen plötzlich ungesünder leben, sondern weil ein wichtiger biologischer Schutzfaktor wegfällt.

Östrogen schützt Knochen, Herz, Gehirn und Schleimhäute – sein Rückgang betrifft den gesamten Körper, nicht nur den Zyklus.

Östrogendominanz – zu viel davon ist genauso problematisch.

Zu Beginn der Perimenopause passiert etwas Paradoxes: Progesteron sinkt häufig früher und schneller als Östrogen. Das verschiebt das Verhältnis der beiden Hormone zueinander – der Körper gerät in eine relative Östrogendominanz, obwohl der Östrogenspiegel absolut betrachtet noch nicht niedrig ist. Die Folgen sind typisch für diese Phase und werden von vielen Frauen als verwirrend erlebt, weil sie nicht zu dem passen, was sie über Wechseljahre gelesen haben: Gewichtszunahme trotz unveränderter Ernährung, Wassereinlagerungen, Brustspannen, Schlafstörungen und Angstattacken.

Erschwerend hinzu kommt, dass Fettzellen selbst Östrogen produzieren und dass endokrine Disruptoren – synthetische Substanzen aus Plastik, Kosmetika und konventionellen Lebensmitteln – östrogene Wirkung im Körper entfalten können. Die Leber spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle: Sie ist dafür zuständig, überschüssiges Östrogen abzubauen. Ist die Leber durch Alkohol, Medikamente oder chronische Belastung überlastet, steigt das Östrogen im Blut weiter an. Stressreduktion, Schlaf und eine leberunterstützende Ernährung sind deshalb in dieser Phase keine Wellness-Empfehlungen, sondern hormonelle Notwendigkeit.

Östrogendominanz entsteht nicht durch zu viel Östrogen allein – sie entsteht durch das Ungleichgewicht mit Progesteron.

Östrogenmangel – was passiert, wenn die Produktion nachlässt.

Ab Mitte vierzig beginnen die Eierstöcke, immer weniger Östrogen zu produzieren. Dieser Rückgang ist nicht linear – Östrogen schwankt in der Perimenopause stark, mit Phasen der relativen Überfülle und plötzlichen Einbrüchen. Genau diese Schwankungen sind es, die so viele verschiedene Symptome erzeugen: Hitzewallungen, Vergesslichkeit, nachlassende Libido, trockene Haut und Schleimhäute, Haarausfall, Herzrasen, ein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfekte, zunehmende Insulinresistenz und langfristig ein höheres Risiko für bestimmte Krebsarten.

Besonders unterschätzt ist der Zusammenhang zwischen Östrogenmangel und Cholesterin. Viele Frauen erleben ab Mitte vierzig einen Anstieg ihrer Cholesterinwerte und bekommen den Rat, Eier und tierische Fette zu reduzieren. In Wirklichkeit liegt der Anstieg häufig am hormonellen Ungleichgewicht – denn Östrogen schützt das Herz-Kreislauf-System aktiv. Bringt man die Hormone wieder in Balance, sinkt das LDL-Cholesterin oft ohne weitere Maßnahmen, das HDL-Cholesterin steigt und die Triglyzeride stabilisieren sich.

Erhöhte Cholesterinwerte ab 45 haben häufig eine hormonelle Ursache – nicht die Frühstückseier sind das Problem.

Was das für Training und Ernährung bedeutet.

Östrogen beeinflusst direkt, wie gut Muskeln aufgebaut und erhalten werden können, wie effizient der Fettstoffwechsel arbeitet und wie gut sich der Körper nach Belastung erholt. Mit sinkendem Östrogen nimmt die anabole Wirkung auf Muskulatur ab – was bedeutet, dass der Körper auf denselben Trainingsreiz weniger stark reagiert als früher. Das ist kein Zeichen dafür, dass Training sinnlos geworden ist, sondern ein Signal, dass es gezielter werden muss.

Krafttraining ist in dieser Phase keine Option unter vielen, sondern die wirksamste Maßnahme um Muskelmasse zu erhalten, die Insulinsensitivität zu verbessern und dem hormonell bedingten Umbau des Körpers aktiv entgegenzuwirken. Proteinzufuhr muss bewusst höher sein als in jüngeren Jahren – der Körper baut Protein langsamer um und braucht mehr davon als Ausgangsmaterial. Eine Ernährung die den Blutzucker stabil hält, schützt vor der Insulinresistenz, die mit sinkendem Östrogen fast unweigerlich zunimmt.

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Dieser Artikel gibt allgemeine Informationen zu Östrogen und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Fragen zu Hormonstatus, Beschwerden oder Hormonersatztherapie wende dich bitte an eine Gynäkologin oder einen Gynäkologen.

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